Der heutige Tag ist ein besonderer für mich, ein Tag der schmerzt, denn vor genau vier Jahren verstarb mein Vater. Damals konnten wir aufgrund der Pandemie nicht einmal reisen, um von ihm Abschied nehmen zu können. Tief in mir denke ich aber, dass Papa sich auf seine ganz besondere Weise von mir verabschiedet hat. Denn immer, wenn ich meine Eltern anrief, hatte er meiner Mama den Hörer in die Hand gedrückt. Scheinbar ahnte er, was kommen würde und wollte mich nicht traurig machen. 😥 Auch wenn schon einige Zeit vergangen ist, wo Papa nicht mehr unter uns ist, rede ich manchmal mit ihm, wenn ich einen Rat brauche – sei es in Gedanken oder auch mal laut. Ich sage ihm auch, wie sehr ich ihn vermisse. 😍

Daher hatte ich den Wunsch, noch einmal in unseren alten Wilmersdorfer Kiez zu gehen, dort wo wir in Berlin viele Jahre gemeinsam mit der Familie lebten. Gemeinsam mit Micha war ich in der Wilmersdorfer Straße. Zu unserer Kindheit waren Teile der Fußgängerzone noch überdacht, wir erinnerten uns daran, wo früher Quelle war, an den Penny-Markt, an Stiller und an die hässlichen Brunnen, die in der Mitte der Einkaufsstraße standen und nun verschwunden waren.  Es hat sich so vieles verändert – wie die Zeit doch vergeht.

Wir liefen bis zur Bismarckstraße und fuhren von dort mit der U-Bahn bis zum Fehrbelliner Platz. Dort auf dem Trödelmarkt schauten wir uns noch ein wenig um, um dann über die Brandenburgische Straße an unserer alten Grundschule vorbeizukommen. Dabei bemerkte ich, dass nun auch das Schreibwarengeschäft nach Jahrzehnten seine Pforten für immer geschlossen hat.

An der Blissestraße sog ich die Veränderungen der letzten zwanzig Jahre förmlich in mich auf, stellte mir dabei vor, dass mich mein Papa in diesem Moment begleitete. Eigentlich wollten wir uns noch ein Eis gönnen – in dem Laden, den wir schon als Kinder regelmäßig besucht hatten und laut Internet auch geöffnet sein sollte. Doch ich wusste noch vom früheren Betreiber, dass sie im Winter immer auf Mallorca verweilten und erst im Frühjahr zurückkehrten. Wir wollten es dennoch versuchen, aber meine Befürchtung wurde bestätigt, also kein Eis und auch kein Cappuccino.🙁

Also gingen wir die Blissestraße hinauf zur Mecklenburgischen Straße, vorbei am Fennsee, kurz überlegten wir, ob wir den Bus zum Ku’damm nehmen, denn zumindest auf den Cappuccino wollte ich nicht verzichten. 😁 Wir hätten fast 20 zwanzig Minuten auf den Bus warten müssen und so entschieden wir uns spontan, noch an meinen ehemaligen Kindergarten vorbeizuschauen.

Dort angekommen, stießen wir nach wenigen Schritten auf das Schoelerschlösschen – mit einem kleinen Café, welches erst im Oktober 2024 eröffnete. Wir „stürmten“ förmlich hinein. 🤣 Die Betreiberin bot selbstgemachte Kuchen an, und ich entschied mich für den San-Sebastian-Kuchen. Er war unglaublich lecker. Anschließend schauten wir uns im Schoelerschlösschen um. Die alten Fensterrahmen, der besondere Charme des Gebäudes und ein Tisch, auf dem der Kaufvertrag von Deutsch-Wilmersdorf am 14. Februar 1870 unterzeichnet worden war.

Unser Spaziergang war damit aber noch nicht zu Ende, denn Micha wollte mir nun auch noch zeigen, wo er früher gewohnt hatte. Vor seinem alten Wohnhaus standen wir schließlich vor einer Baustelle – das Haus wird erneut umfassend saniert. Micha zeigte mir, wo sein Zimmer war und wo er gestanden hatte, wenn er gewartet hat, wenn seine Großeltern mal zu Besuch kamen. 😍

Wir gingen um das Haus herum, und der Garten sah noch genauso aus, wie Micha ihn aus seiner Kindheit kannte, mittlerweile ein richtiger Lost Place. Jeder Stein, jede Stufe der Treppe zum Garten hinunter schien unverändert, nur verwildert.

Anschließend gingen wir die Berliner Straße entlang, vorbei an der Ladenzeile, an der früher „Hobby Plamann“ war. Mit Papa war ich oft dort gewesen, denn er liebte es, Werkzeuge zu kaufen. Ich kann es noch genau vor mir sehen, wie die Trommeln mit Kabeln und Schnüren in einer Reihe standen – links der Eingang, rechts der Ausgang.
Sogar der U-Bahnhof Berliner Straße sah noch so aus wie damals.

Alles in allem war es ein sehr schöner Spaziergang – auch wenn es teilweise ziemlich kalt war. Micha und ich haben an diesem Tag eine kleine Reise in die Vergangenheit gemacht. 🥰


6 Antworten zu „Eine Reise in die Vergangenheit: Unser Wilmersdorfer Kiez“

  1. Avatar von Andreas Knabe
    Andreas Knabe

    Tolle Einblicke in eine schöne Zeit!

    1. Avatar von Micha
      Micha

      Hab ganz herzlichen Dank für Deinen Kommentar ♥️

  2. Avatar von Lorenzo von Damarvand
    Lorenzo von Damarvand

    oh, ja, damals war´s. Hab von ´78 bis ´93 in Wilmerdorf gewohnt. Es gibt keinen Reichelt mehr und auch der Bolle ist schon lange Geschichte. Die „Aue“ in der Berlinerstrasse ( Nr.58?) war einmal, aber die Witwe Bolte (Uhlandstr.) wie auch den Badenschen Hof gibts wohl noch. (lt. Google maps).
    Wenn ich so dran denke was sich so alles verändert hat, finde ich: Es war eine tolle Zeit, aber nochmal zurück nach Berlin….nee danke.

    1. Avatar von Micha
      Micha

      Lieber Lorenzo, vielen Dank für die lieben Worte, das freut uns sehr! Ja, der Lauf der Zeit, Wahnsinn die Veränderung 😉 Wie bist Du auf unsere Seite gestoßen, wenn wir fragen dürfen? Kannst Du Dich noch an das chinesische Restaurant am U-Bahn BLissestr. erinnern?

  3. Avatar von Lorenzo von Damarvand
    Lorenzo von Damarvand

    Hallo Micha, ich wollte mal googeln, was aus dem Hobby Plamann geworden ist. Mich packte ein Anfall von Nostalgie – `hab mich da damals mit einigem Werkzeug und Material eingedeckt weil der Laden für mich fußläufig erreichbar war und so gut wie alles hatte… dabei erschien unter den Suchbegriffen (Hobby Plamann Wilmersdorf) Deine (Eure) Webseite. An ein chinesisches Restaurant an der Haltestelle Blissestraße kann ich mich nicht erinnern, aber an das (damals) Jugoslawische Restaurant Blisse- Ecke Berlinerstraße. Zuletzt war ich 2004 zu Besuch in Berlin (Reinickendorf) und bin mal die alten Trampelpfade abgelaufen. Bilder hatte ich damals nicht gemacht, denn Smartphones gab es noch nicht und Digitalkameras mit sagenhaften 4MP waren brutal teuer. Naja, was ist von den 20 Jahren in der Erinnerung übriggeblieben? Die „Aue“ gab es noch; lag aber in den letzten Zügen. Das „Flöz“ (Nassauischestr.) hieß glaub ich schon anders, aber der „Badensche Hof“ und das „Robbengatter“ sowie die „Straßenbahn“ existierten noch. „Bolle“ war damals aufgeteilt und hieß teils „Lidl“ bzw ?? irgendein anderer Discounter. „Reichelt“ gab es immerhin noch. Falls Du jetzt denkst „Oha, ein Alt-Berliner Kneipenadel“ so kann ich nicht widersprechen. 🙂

    1. Avatar von Micha
      Micha

      Hallo Lorenzo, ja, mit dem Alt-Berliner Kneipenadel, so ein Gedanke könnte aufkommen, nett😉Wir freuen uns, dass unsere Seite hier genau das bewirkt, was wir uns u.a. so vorgestellt haben, danke fürs Teilen Deiner Erinnerungen. Ja, Hobby Plamann war auch regelmäßig das Ziel meines Vaters. Meine Eltern waren fast 20 Jahre lang Hausmeister im Ravenna-Haus in der Bundesallee, unten war die Möbelkiste, schräg gegenüber von Eis Hennig. Ich habe meine komplette Kindheit und große Teile meiner Jugend da verbracht. In Kneipen und Cafés ging ich erst später 😉 Übrigens im Galeb Grill an der Blissestraße halten wir gelegentlich unsere Klassentreffen ab. Den gibt es also noch, sowie den Badenschen Hof. Schön, alte Wilmersdorfer hier zu treffen, auf alsbald mal wieder, alles Gute! Micha und Maggie

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